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Rede Tag der Offenen Tür Deutsch-Türkischer Verein

29.04.2017

Es ist seit langem gute Tradition, dass alljährlich das Deutsch-Türkische Kulturzentrum die Bürger von Eggenfelden und auch die Repräsentanten des politischen, kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens zum Tag der offenen Tür einlädt. Oft werden dabei Themen des Islams angesprochen. Der heutige Vortrag steht unter dem Titel „Islam ist Frieden“ – ein absolut aktuelles Thema und durch die weltpolitischen Ereignisse in der Öffentlichkeit nicht unumstritten. Umso wichtiger sind der Dialog und die Suche nach mehr Verständnis, wobei Verstehen nicht automatisch gleichzusetzen ist mit Zustimmung.

 

 

Ich bedanke mich für die Einladung und werte diese Veranstaltung als ein Zeichen, dass die Türkische Gemeinde in Eggenfelden kein Interesse an Abschottung oder eine Parallelgesellschaft hat, sondern dass der Wille zum einvernehmlichen Zusammenleben und echter Integration ins gesellschaftliche Leben der Stadt überwiegt.

Aber unter Freunden müssen auch kritische Worte erlaubt sein.

In regelmäßigen Abständen organisiert die Stadt unter Leitung des Vereinsreferenten Wilfried Reinisch einen Vereinsstammtisch, an dem die Repräsentanten der Eggenfeldener Vereine sich treffen und Erfahrungen austauschen. Thema des letzten Stammtisches war Integration, denn die Vereine spielen eine ganz wichtige Rolle, damit neu zugezogene Menschen sich ins Stadtleben integrieren können. Besonders Kinder und Jugendliche.

Hier leisten die Vereine sehr gute Arbeit, gehen offen auf die Neubürger mit unterschiedlichem religiösen und kulturellen Hintergrund zu, gerade im Sportbereich gelingt dies sehr schnell. Es zeigen sich aber auch sehr schnell kulturelle Unterschiede, wobei die Eltern eine gewichtete Rolle spielen. Vereine leben vom Ehrenamt und dem Engagement der Eltern, ob bei Fahrdiensten, Festen oder der Teilnahme an Vereinstreffen. Der Begriff des Ehrenamtes und die damit verbundenen Verpflichtungen sind eine Grundsäule unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens in Deutschland, Bayern und Eggenfelden. Dies ist für viele Neuankömmlinge etwas vollkommen Neues, in deren Kulturkreis nicht verankert.

Ein weiteres Erschwernis ist die dominante Rolle der Jungen gegenüber den Mädchen. Oft sehr gute Sportlerinnen verschwinden völlig aus dem Verein, sobald sie 12 oder 13 Jahre alt geworden sind. Sie tauchen als selbstständige Persönlichkeit im gesellschaftlichen Leben kaum mehr auf.

Die Ungleichheit in der Behandlung von Jungen und Mädchen ist mit das gewichtigste Integrationshemmnis. Wenn Mädchen nicht die gleichen Entwicklungschancen wie Buben bekommen, ist ein Grundpfeiler unserer Werteordnung und unseres Staates in Frage gestellt. Hier hört Glaubensfreiheit und Toleranz gegenüber anderen kulturellen Identitäten auf. Die Eltern tragen die Verantwortung für die Erziehung, nicht die Schule oder der Verein.

Dabei geht es nicht um das Tragen eines Kopftuches. Warum sollte ich etwas dagegen haben, dass eine städtische Kindergärtnerin, die einen super Job macht, als Zeichen ihres Glaubens ein Kopftuch trägt – solange die Kinder im Sinne unseres Grundgesetzes und des Dienstherrn betreut werden.

Die Toleranz hört da auf, wo die Grundfeste unserer westlichen Werte beeinträchtigt werden:

  • die Menschenwürde,
  • die Gleichberechtigung von Mann und Frau,
  • die Religionsfreiheit, die Trennung von Staat und Kirche,
  • die Pressefreiheit und freie Meinungsäußerung,
  • der Rechtsstaat, den unsere Gerichte und Vollzugsorgane repräsentieren - nicht selbsternannte Friedensrichter,
  • die Gewaltenteilung zwischen Regierung, Parlament und Gerichten
  • und zuletzt freie Wahlen und ein demokratisches Regierungssystem.

Diese Werte sind nicht verhandelbar, aber nicht mehr selbstverständlich.

Die jüngsten Entwicklungen in der Türkei geben sehr großen Anlass zur Sorge. Die Türkei ist ein zerrissenes Land geworden, sie entfernt sich zunehmend von Europa und unseren westlichen Werten. Ist auf dem Weg zu einem autoritären Regierungssystem, in eine Zeit, die wir in Europa im letzten Jahrhundert zum Glück überwunden haben.

Wenn rund 2/3 der Deutsch-Türken vor kurzem für Erdogan und sein neues Regierungssystem in der Türkei gestimmt haben, ist dies auch ein deutsches Problem. Denn scheinbar werden die Vorteile eines freiheitlichen Regierungssystems von Hunderttausenden in Deutschland lebenden Türken nicht wahrgenommen. Hier ist Integration gescheitert.

Ich biete der türkischen Gemeinde in Eggenfelden die Partnerschaft an, gemeinsam mit mir, dem Stadtrat, unseren Vereinen an, an einer auch für folgende Generationen gelingenden Integration zu arbeiten – Basis dafür sind die Werte, wie sie in unserem Grundgesetz festgehalten sind und natürlich die deutsche Sprache.

Und die ersten Schritte wären ein Dialog auf gleicher Augenhöhe zwischen

den Vereinen

den Kindergärten und Schulen und den Eltern mit Migrationshintergrund.

 

Wolfgang Grubwinkler

1. Bürgermeister

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